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«Das ist mein Leben hier oben»

Ein fiktives Gespräch mit der Sennerin auf Gletsch — dreissig Jahre Käse, Kühe und Stille.

Ein fiktives Gespräch auf der Alp Gletsch

Sie stellt mir einen Kaffee hin, ohne zu fragen. Draussen zieht Nebel über die Wiesen. Die Käselaibe im Regal hinter ihr riechen nach allem, was hier oben wächst.

«Dreissig Jahre», sagt sie. «Die Leute fragen immer: Wird’s dir nicht einsam? Ich sag: Nein. Die Kühe sind immer da.» Sie lacht. Kurz, trocken, wie jemand, der Arbeit kennt.

Morgens um fünf fängt es an. Melken. Dann Käse — jeden Tag. Rühren, pressen, wenden, salzen, pflegen. «Man hört dem Käse zu», sagt sie. «Wenn er gut klingt beim Klopfen, stimmt etwas. Wenn nicht, weiss man’s auch.» Das Wissen sitzt in den Händen, nicht in Büchern.

Der Kanton verpachtet ihr die Alp. Sie und ihre Söhne kommen jeden Sommer. Der erste Hotelier hier oben hat als Geisshirt angefangen — das Hotel Seiler liess sich jahrzehntelang von dieser Alp mit Milch, Butter und Käse versorgen. Die Geschichte ist lang. Ihre Familie ist Teil davon.

«Heute findet man kaum mehr jemanden für diesen Job», sagt sie ohne Bitterkeit. «Zu hart, zu einsam, zu wenig Geld.» Sie zuckt die Schultern. «Für mich stimmt es.»

Ich frage, ob sie aufhören würde, wenn die Söhne nicht mehr mitmachten. Sie schaut mich an, als hätte ich etwas Absurdes gefragt.

«Solange ich kann: nein.»

Diese Begegnung ist fiktiv — die Sennerin auf Gletsch und ihre Geschichte sind es nicht.

Bernhard Kuonen

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