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Jung und alt

Der Mann, den ich besuchte — und nicht verstand

Eine fiktive Begegnung mit einem Mann, der alles zurückliess — auch seine Tochter.

Eine fiktive Begegnung

Ich stelle mir vor, wie es wäre, ihn zu besuchen. Den Mann, der alles zurückgelassen hat. Die Karriere, die Stadt, das Leben, das er kannte. Und seine Tochter.

Bruder Markus lebt in einer kleinen Hütte hoch oben in den Walliser Bergen. Ehemaliger Informatiker aus Bern. Heute: Stille, Meditation, heilige Schriften. Ein Leben, das er als das einzig wahre empfindet. Ich beneide ihn fast darum.

Fast.

Denn dann ist da die Tochter. Und da beginnt mein Zwiespalt, den ich nicht auflösen kann — und auch nicht will. Ich verstehe die Sehnsucht nach Stille. Ich verstehe, dass man irgendwann aufhört, für andere zu funktionieren, und anfängt, für sich zu leben. Ich verstehe das intellektuell, und manchmal verstehe ich es auch im Bauch.

Aber eine Tochter ist keine Rolle, aus der man aussteigen kann. Sie ist kein Leben, das man hinter sich lässt wie eine Wohnung. Sie trägt die Abwesenheit des Vaters mit sich — still, vielleicht ohne Vorwurf, aber trotzdem.

Bruder Markus würde sagen: Die tiefste Fürsorge ist die innere Freiheit. Vielleicht stimmt das. Vielleicht ist es auch eine Geschichte, die wir uns erzählen, damit das, was wir tun, erträglich klingt.

Ich weiss es nicht. Ich sitze mit dem Zwiespalt — und lasse ihn stehen.

Bernhard Kuonen

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