Der Illgraben im Pfynwald — eine Urkraft, die eine Kindheit geprägt hat.
Es gibt Momente in der Kindheit, die einen formen — nicht weil man sie versteht, sondern weil man sie spürt. Tief, unausweichlich, für immer.
«Der Illgrabu chunnt.» Dieser Satz im Walliserdialekt bedeutete eines: Laufen. Zur Brücke. Schnell, bevor es vorbei ist. Ich bin gelaufen. Jedes Mal. Nicht aus Pflicht. Aus einem Zug, den ich nicht benennen konnte — und heute noch nicht ganz kann.
Der Illgraben ist kein gewöhnlicher Bach. Er ist eine Schlucht, die sich in die Flanke des Berges gräbt wie eine Wunde — und regelmässig ausbricht. Schlamm, Felsbrocken, Geröll, alles, was der Berg nicht mehr halten will. Ein Murgang kündigt sich an mit einem dumpfen Grollen, das man mehr im Bauch spürt als mit den Ohren hört. Dann kommt er. Braun, schwer, unaufhaltsam. Die Brücke zittert. Man steht drauf und begreift: Hier entscheidet nicht der Mensch.
Und dahinter: der Pfynwald. Dieser uralte Föhrenwald an der Sprachgrenze zwischen Leuk und Siders, sagenumwoben, still, fast unwirklich. Wo Deutsch und Französisch aufeinandertreffen und keines gewinnt. Wo der Illgraben in die Rhone mündet und verschwindet, als wäre nichts gewesen.
Als Kind weiss man das nicht alles. Man weiss nur: Hier ist etwas grösser als ich. Das Grollen. Der Schlamm. Der Wald. Die Grenze.
Ich glaube, ich habe an der Brücke über dem Illgraben zum ersten Mal verstanden, dass die Welt nicht auf mich wartet. Dass sie vor mir da war — und nach mir weitergeht. Das ist keine traurige Erkenntnis. Es ist eine befreiende.
Bernhard Kuonen