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Mit 75 am Start

Peter Kuonen läuft Bergrennen — mit 75 Jahren. Eine Geschichte über Ausdauer, Alterssport und walliserische Sturheit.

Mein Bruder Peter Kuonen steht am Start. Das Thermometer zeigt sieben Grad, der Himmel hängt tief über dem Tal, und der Weg führt schnurstracks bergauf. Peter ist 75 Jahre alt. Er trägt Laufschuhe und einen leichten Windjacke. Er lächelt.

Berglauf ist im Wallis keine Randsportart. Er ist ein Ausdruck des Landes selbst — steil, knorrig, ohne Schönfärberei. Die Hänge des Oberwallis sind kein Parcours für Freizeitjogger. Wer hier läuft, weiss, was ihn erwartet: Höhenmeter, die in den Oberschenkeln brennen, Geröllpassagen, die Konzentration fordern, und der eigene Atem als einzige Konstante.

Kein Sport für Weicheier

Peter hat nicht erst mit 70 angefangen. Er läuft, seit er laufen kann — zunächst über Äcker und Feldwege, später auf markierten Bergpfaden, bei organisierten Rennen, gegen Männer, die halb so alt sind wie er. Was ihn antreibt, ist schwer in Worte zu fassen. «Ich will schauen, was noch geht», sagt er. Das ist alles. Keine Philosophie. Kein Mantra. Nur diese nüchterne walliserische Neugier auf die eigene Leistungsgrenze.

Sportwissenschaftler haben einen Begriff dafür: Mastersporthlet. Wettkampfsportler, die weit über das klassische Rentenalter hinaus strukturiert trainieren und an offiziellen Rennen teilnehmen. In der Forschung gilt Ausdauersport im Alter als einer der wirkungsvollsten Faktoren für kognitive und körperliche Gesundheit. Peter kennt diese Studien nicht. Er braucht sie nicht.

Was Altern bedeutet — oder nicht

Es gibt ein Bild, das ich nicht vergesse: Peter kurz vor dem Ziel eines Bergrennens, die Beine schwer, die Arme pumpend, der Blick nach vorn gerichtet. Hinter ihm jüngere Männer. Vor ihm das Ziel. Kein Zuschauer hätte gewusst, wie alt er ist, wenn man es ihm nicht gesagt hätte.

Das ist vielleicht das Eigentliche: Altern ist im Sport keine Kategorie, die man versteckt. Es ist eine Kategorie, mit der man antritt. Peter startet in seiner Altersklasse, fair und ehrlich. Und er gewinnt manchmal.

Ein Walliser trotzt dem Kalender

Im Wallis, wo man noch weiss, was körperliche Arbeit bedeutet, ist Altersausdauer keine Kuriosität. Es ist Kontinuität. Die Männer und Frauen, die ein Leben lang in Weinberg und Alp gearbeitet haben, tragen etwas in sich, das kein Fitnessstudio erzeugen kann: eine stille Vertrautheit mit dem eigenen Körper.

Peter ist ein Extrembeispiel davon. Aber er ist kein Sonderfall — er ist eine Erinnerung daran, was möglich ist, wenn man nicht aufhört.

Ich schaue ihm nach, wie er den Hang hinaufläuft. Irgendwann verschwindet er hinter einer Kurve. Der Weg ist lang. Er kennt ihn.

Bernhard Kuonen

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