Lonza in Visp — Garant für Wohlstand, Lehrmeister für Generationen, und eine Deponie, die noch Jahrzehnte beschäftigt.
«Mit ungeheurer Wucht ist das industrielle Zeitalter in die Stille der Walliser Täler eingebrochen.» So beschrieb Historiker Beat Kaufmann 1965 die Ankunft der Lonza im Wallis. Er hätte es auch über heute schreiben können.
Die Lonza, benannt nach dem Fluss im Lötschental, begann bescheiden: eine Karbidfabrik in Gampel, Ende des 19. Jahrhunderts. Acetylen für Strassenbeleuchtungen. Ein Produkt, das damals die Welt erhellte. Was folgte, war einer der grössten Wirtschaftsaufbrüche, die das Wallis je erlebt hat. Heute ist der Standort Visp einer der bedeutendsten Chemie- und Pharmakomplexe Europas — Tausende Arbeitsplätze, Milliarden Umsatz, globale Lieferketten, die mitten im Oberwallis beginnen.
Während der Corona-Pandemie rückte Visp in den Fokus der Welt: Lonza produzierte dort den Wirkstoff für den Moderna-Impfstoff. Ein Walliser Standort lieferte den halben Planeten mit. Das ist keine Übertreibung. Das ist Realität.
Lonza ist der Garant für Wohlstand und Fortschritt in einer Region, die ohne sie wohl noch heute vom Ackerbau lebte. Kaum eine Walliser Familie im Oberwallis, die nicht einen Vater, einen Onkel, eine Cousine hat, die dort gearbeitet hat oder noch arbeitet. Und kaum ein Betrieb in der Region hat so viele Fachleute ausgebildet wie Lonza. Unzählige Walliser haben ihre Berufslehre dort gemacht — als Chemielaborant, als Automatiker, als Kaufmann. Das Unternehmen war und ist Schule, Karriereleiter und Lebensgrundlage zugleich.
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten.
Die alte Deponie Gamsenried liegt zwischen Visp und Brig, auf einer Fläche von 40 Fussballfeldern. Von 1918 bis 1978 lagerte Lonza dort sechzig Jahre lang Chemieabfälle ab. Quecksilber. Benzidin. Benzol. Substanzen, die im Grundwasser nicht sein sollten — und dort trotzdem sind. Seit 1990 pumpt eine Sicherungsbarriere belastetes Wasser ab. Die Sanierung wird Jahrzehnte dauern. Lonza hat für die erste Phase 290 Millionen Franken zurückgestellt. Es ist Verantwortung — nachträglich übernommen, aber immerhin übernommen.
Und dann ist da noch eine Folge des Wohlstands, die man nicht in Bilanzen findet: Der Druck auf den Wohnungsmarkt. Visp und Umgebung gelten heute als eine der am stärksten nachgefragten Regionen im Wallis. Die Mieten steigen. Die Wohnungen werden knapp. Wer nicht rechtzeitig gekauft hat oder keine Wurzeln mehr in der Region hat, findet kaum noch etwas Bezahlbares. Der Wohlstand, den Lonza gebracht hat, verteilt sich nicht gleichmässig — er konzentriert sich, und wer spät kommt oder wenig verdient, spürt das täglich.
Lonza ist nicht böse. Lonza ist die Geschichte des industriellen Wallis: kraftvoll, folgenreich, widersprüchlich — und noch lange nicht abgeschlossen.
Bernhard Kuonen